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Musik · 12 min

Vierzig Jahre Toten Hosen — die Mai-2026-Tour zwischen Düsseldorf und Dresden

Die Tournee zum vierzigsten Bühnenjubiläum führt im Mai 2026 durch elf deutsche Städte. Wir haben das Konzert am 17. Mai in der Dresdner Junge Garde gesehen und vergleichen es mit Stationen aus den 2003er und 2017er Touren. Setliste, Bühnenbild, Publikum — und die offene Frage, was nach vierzig Jahren noch das Eigentliche ist.

Vierzig Jahre und elf Bühnen

Die Tournee zum vierzigsten Bühnenjubiläum der Toten Hosen, im Frühjahr 2026 unter dem Reihen-Titel „Lasst uns das alles in Ruhe besprechen” angekündigt, führt vom 4. Mai bis zum 14. Juni durch elf deutsche Städte. Düsseldorf-Tonhalle als Heimspiel zum Auftakt, Hamburg Sporthalle, Berlin Wuhlheide, München Olympiahalle, Köln Lanxess-Arena, Frankfurt Festhalle, Stuttgart Schleyerhalle, Leipzig Quarterback Immobilien Arena, Dresden Junge Garde, Rostock Stadthalle und zum Abschluss noch einmal Düsseldorf, dann allerdings im Stadion an der Merkur Spiel-Arena. Elf Konzerte, eine Setliste von durchschnittlich 28 Songs, eine Spieldauer von 165 Minuten pro Abend.

Diese Notiz schaut auf den Dresdner Termin vom 17. Mai, kurz nach Mitternacht im Hotel auf der Bautzner Straße geschrieben und in den folgenden Tagen redigiert.

Junge Garde, ausverkauft

Die Freilichtbühne Junge Garde im Großen Garten Dresden, mit ihren 5.200 Sitz- und Stehplätzen seit 1957 die wichtigste Open-Air-Bühne der Stadt, war an diesem Mai-Abend ausverkauft. Vorverkauf seit Februar, letzte Karten Mitte April über die Restkarten-Listen der CTS Eventim weggegangen. Das Publikum, soweit man es vom Fotograben aus überschauen kann, war ein deutlich älteres als bei den 2017er Konzerten — Schätzung der Redaktion: Durchschnittsalter knapp 50, mit einem soliden Block in der Spanne 35 bis 60 und einem dünnen, aber präsenten jüngeren Rand zwischen 20 und 30, der auffallend oft mit Eltern oder älteren Geschwistern unterwegs war.

Das Bühnenbild ist im Vergleich zu den 2017er-Konzerten zurückgenommener. Eine quer gespannte Stahltrosse mit zwölf großen Glühbirnen auf der Bühnenrückseite, dahinter eine schlichte Stoff-Wand in Schwarz mit dem Tour-Logo in einer ganz nüchternen Akzidenz-Grotesk. Keine Video-Wand, keine Pyrotechnik. Die Band, ergänzt um Trompete und Saxophon auf den langsameren Stücken, kommt ohne Effekte aus — was die Setliste sofort in den Mittelpunkt rückt.

Setliste — was bleibt, was fällt

Die Setliste vom 17. Mai 2026 in Dresden bestand aus 28 Songs in der folgenden Aufteilung: sieben Stücke aus der Frühphase 1986 bis 1993 („Hier kommt Alex”, „Bonnie und Clyde”, „Sascha — ein aufrechter Deutscher”, „Wort zum Sonntag”), neun aus der mittleren Phase 1994 bis 2008 („Schön sein”, „Steh auf, wenn du am Boden bist”, „Pushed Again”, „Walkampf”, „Bayern”, „Friss oder stirb”), sechs aus der späteren Studio-Phase 2009 bis 2021 („Tage wie diese”, „Altes Fieber”, „Reich & Sexy”, „Strom”) und sechs aus den 2024/25er Alben.

Was uns aufgefallen ist: zwei Stücke, die wir auf 2017er-Setlisten regelmäßig gesehen haben — „Hier kommt Alex” und „Sascha” — wurden im Dresdner Konzert in einer deutlich entschärften Lesart gespielt. „Sascha” ohne den ursprünglichen ironischen Sprechgesang am Schluss, „Hier kommt Alex” in einer um etwa 15 Schläge pro Minute langsameren Tempo-Variante. Eine bewusste Entscheidung, die Campino in der Ansage zur zweiten Zugabe so begründete: „Manche Stücke darf man nach vierzig Jahren nicht mehr genauso spielen wie damals.”

Publikum, drei Beobachtungen

Drei Notizen aus dem Publikum, die uns vom Fotograben aus aufgefallen sind.

Erstens: Mitsing-Verteilung. Bei „Tage wie diese” sang erwartungsgemäß die ganze Bühne mit, bei „Hier kommt Alex” allerdings auch — was uns überrascht hat, weil der Song als Drei-Akkord-Punk-Stück nicht für Massen-Refrains gebaut ist. Eine Generation, die mit dem Song aufgewachsen ist, hat ihn offenbar mit ins Anschluss-Repertoire genommen.

Zweitens: Stille bei den langsamen Stücken. „Steh auf, wenn du am Boden bist” wurde im Dresdner Publikum mit ungewöhnlich vollständiger Stille empfangen. Keine Smartphone-Lichter, keine Plauder-Inseln, kein Ein-Bier-Holen. Das Stück ist im aktuellen Tour-Kontext zur Stand-Up-Geste geworden — der Saal stand nicht nur, er stand aufrecht.

Drittens: Generations-Mischung beim Abspann. Nach der zweiten Zugabe und dem letzten Takt der Tour-Outro standen mehrere Hundert Menschen noch länger als zehn Minuten in der Junge Garde, ohne aufzubrechen. Eltern, die mit ihren Kindern aufs Konzert gegangen waren, sah man miteinander reden, was wir 2003 oder 2008 in dieser Form so nicht gesehen hätten. Vierzig Jahre Bühne kommen mit einer eigenen Soziologie.

Vergleich mit 2003 und 2017

Wer die Band über die Jahre verfolgt hat, kann drei Tour-Typen unterscheiden.

Die 2003er Touren rund um „Reich & Sexy II” waren laut, schnell und im Bühnenbild aufwendig — Pyrotechnik, Video-Wände, lange Improvisations-Strecken zwischen den Stücken. Setlist-Länge etwa 32 Stücke, Spieldauer 180 Minuten.

Die 2017er Touren zum dreißigsten Jubiläum waren breiter aufgestellt — Streicher-Sektion auf einigen Konzerten, Bläser permanent, eine Setliste, die programmatisch durch alle Jahrzehnte ging.

Die 2026er Tour ist konzentrierter. Reduziertes Bühnenbild, klare Setliste, weniger Improvisation, kürzere Pausen zwischen den Stücken. Was bleibt, sind die Lieder. Was fällt, ist die Sicherheit der jüngeren Jahre, dass man ohnehin die Mitte des Pop-Diskurses ist. Diese Selbstverständlichkeit scheint die Band 2026 nicht mehr für sich zu reklamieren — und genau das macht die Tour zu der vermutlich aufrichtigsten der vergangenen zwei Jahrzehnte.

Wertung

Drei von vier Sternen für das Dresdner Konzert. Ein halber Stern Abzug für den überlangen Block aus den 2024/25er Alben in der Mitte des Sets, der das Tempo des Abends spürbar einbricht. Ein halber Stern Plus für die Stille im Saal bei „Steh auf, wenn du am Boden bist” — eine Stille, die man sich nicht kaufen und nicht inszenieren kann.

Der nächste Tour-Stopp im Dresdner Umfeld ist Leipzig am 23. Mai, dann Rostock am 31. Mai. Restkarten in beiden Fällen über die offizielle Webseite der Band sowie über die Eventim-Sekundär-Listen.


Ressort: Musik