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Filmwertungen · 9 min

Filmwertungen Mai 2026 — sechs Filme aus Schauburg, Thalia und Kino in der Fabrik

Sechs Filme im Mai-Programm der Dresdner Programmkinos, jede Wertung mit kurzer Begründung und der Standard-Vier-Sterne-Skala dieses Notiz-Journals. Mit dem Cannes-Sieger 2025 in der Wieder-Aufführung, einem polnischen Erstlingswerk und der späten Renaissance des deutschen Familien-Dramas.

Sechs Filme, vier Sterne

Diese Notiz-Spalte erscheint im Mai 2026 nach dem festen Muster: sechs Filme aus dem laufenden Monats-Programm der Dresdner Programmkinos (Schauburg, Königsbrücker Straße 55; Thalia, Görlitzer Straße 6; Kino in der Fabrik, Tharandter Straße 33) werden in der Reihenfolge der Sichtung kurz besprochen und mit einer Wertung von eins bis vier Sterne versehen. Halbe Sterne sind erlaubt, sehr seltene Vier-Sterne-Wertungen gibt es im Schnitt zweimal im Jahr.

Schauburg · 3. Mai 2026 · Cannes-Sieger 2025 in der Wieder-Aufführung

„Die fremde Tochter” (Regie: Małgorzata Szumowska, Polen 2024, 118 Minuten, deutsche Untertitel). Eine schon im Vorjahr in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete polnische Produktion, die im Mai 2026 in der Schauburg eine Wieder-Aufführungs-Woche bekommt — sieben Vorstellungen, jeden Abend um 20:30 Uhr. Die Geschichte einer 50-jährigen Krakauer Mathematikerin, die ihre erwachsene Tochter zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren wiedertrifft, ist erzählerisch konventioneller als die zweite Hälfte des Films vermuten lässt — die letzten 40 Minuten brechen das Dialog-Drama in eine assoziativ-bildhafte Form auf, die uns an Krzysztof Kieślowskis Spätwerk erinnert hat. Die Kamera-Arbeit von Michał Englert ist über weite Strecken zurückhaltend, klärt sich in den letzten zwei Sequenzen aber in eine kurze, fast manieristisch komponierte Schluss-Folge. Wertung: drei Sterne plus.

Thalia · 6. Mai 2026 · Polnisches Erstlingswerk

„Sommer in Łódź” (Regie: Aleksandra Terpińska, Polen 2025, 96 Minuten, deutsche Untertitel). Das Erstlingswerk der polnischen Regisseurin, die als Drehbuchautorin schon an „Cold War” beteiligt war, läuft im Mai 2026 in der Thalia in einer einwöchigen Programmwoche. Eine Coming-of-Age-Geschichte aus dem Łódź der frühen 1990er Jahre — die Hauptfigur Magda, 17 Jahre alt, Tochter eines geschlossenen Textilbetriebs, sucht in den Sommermonaten 1992 nach einer Form, in einer ökonomisch verunsicherten Stadt zu leben. Der Film ist in einem körnigen 16-mm-Bild gefilmt, die Musik fast vollständig aus Aufnahmen polnischer Rock-Bands der Wendezeit. Die Erzählweise ist langsam, das Tempo fast skandalös zurückgenommen — was uns gefällt, weil es dem dokumentierten Zeit-Gefühl der frühen 1990er entspricht. Wertung: drei Sterne.

Kino in der Fabrik · 9. Mai 2026 · Deutsches Familien-Drama

„Drei Brüder, ein Sommer” (Regie: Maren Ade, Deutschland 2025, 142 Minuten). Maren Ades erster langer Spielfilm seit „Toni Erdmann” 2016, mit den Brüdern Jens, Tobias und Friedrich Albrecht (gespielt von Lars Eidinger, Sebastian Blomberg und Hans Löw) bei einem Familien-Treffen im Sommerhaus der verstorbenen Mutter in der Uckermark. Die ersten 60 Minuten arbeiten mit der bekannten Ade-Methode: lange Dialog-Szenen, in denen wenig passiert und dennoch alles in Bewegung kommt. Die zweite Hälfte des Films öffnet sich auf eine fast schwarzhumorige Linie, die uns an die Schluss-Stränge von „Toni Erdmann” erinnert hat. Lars Eidinger ist als ältester Bruder eine kontrolliert-aggressive Präsenz, Hans Löw als Jüngster, der sich seit Jahren von der Familie distanziert, eine der besten Nebenrollen seiner Karriere. Wertung: vier Sterne. Die seltene Wertung des Jahres bisher.

Schauburg · 12. Mai 2026 · Französische Komödie

„Le Bureau de Madame Vincent” (Regie: Nadav Lapid, Frankreich 2025, 102 Minuten, OmU). Eine als Komödie deklarierte Produktion, die schnell als bitteres Sozial-Drama vom Pariser Vorort-Schulwesen offenbar wird. Die Titelfigur Madame Vincent, gespielt von Léa Drucker, ist die Verwaltungsleiterin einer Pariser Berufsschule, die im Lauf des Films zwischen Vorschriften, knappem Budget und Schüler-Nöten zerrieben wird. Der Film hat in den letzten zwanzig Minuten eine starke, fast wütende Schluss-Bewegung, die das vorher leicht zerfaserte Erzählen rückwirkend zusammenhält. Léa Drucker trägt den Film über die volle Spieldauer. Wertung: drei Sterne.

Thalia · 14. Mai 2026 · Wieder-Aufführung 1976

„Eine Frau wie diese” (Regie: Marleen Gorris, Niederlande 1976, restaurierte Fassung 2025, 93 Minuten). Eine im Rahmen des Programmreihe „Niederländische Kino-Klassiker” wieder aufgeführte Produktion aus dem Jahr 1976, in einer 2025 in der Niederländischen Filmakademie restaurierten 4K-Fassung. Die Geschichte einer 38-jährigen Amsterdamer Lehrerin, die mit der Frage konfrontiert wird, warum sie ihren Mann nicht verlässt, obwohl die Ehe seit Jahren als gescheitert dokumentiert ist. Der Film ist erzählerisch sparsam, fast hörspiel-artig — die Kamera bleibt über lange Strecken auf einem Punkt, die Dialoge tragen das ganze Gewicht. Die Restaurierung hat die Farben in der frühen 1970er Jahre-Patina belassen. Wertung: drei Sterne plus. Empfehlung der Notiz: anschauen, solange die Reihe in der Thalia läuft (letzte Vorstellung am 31. Mai 2026).

Kino in der Fabrik · 16. Mai 2026 · Britisches Krimi-Drama

„The Wash House” (Regie: Steve McQueen, Großbritannien 2025, 128 Minuten, OmU). Steve McQueens fünfter Spielfilm, nach dem fünfteiligen Fernseh-Projekt „Small Axe” und nach „Occupied City” der erste klassische Kino-Film seit fünf Jahren. Eine Krimi-Erzählung aus dem Londoner East End der 1980er Jahre, mit einem Ensemble aus John Boyega, Letitia Wright und Naomie Harris. Der Film ist visuell stark — McQueens Bildkomposition ist auch nach zwölf Filmen die ungewöhnlichste im aktuellen britischen Kino — leidet aber unter einem Drehbuch, das zwischen Sozial-Drama und Krimi-Plot nicht entscheidet. Die letzten dreißig Minuten zerfasern in einem unmotivierten Showdown. Wertung: zwei Sterne plus.

Mai-Wertung in der Übersicht

DatumKinoTitelWertung
3. MaiSchauburgDie fremde Tochter★★★+
6. MaiThaliaSommer in Łódź★★★
9. MaiKidFDrei Brüder, ein Sommer★★★★
12. MaiSchauburgLe Bureau de Madame Vincent★★★
14. MaiThaliaEine Frau wie diese (Wieder)★★★+
16. MaiKidFThe Wash House★★+

Schnitt der Mai-Wertungen: 3,08 Sterne. Über dem Jahres-Schnitt 2025 (2,82 Sterne). Ein Mai mit einem Vier-Sterne-Film war zuletzt 2019. Wir empfehlen mit Nachdruck: „Drei Brüder, ein Sommer” im Kino in der Fabrik, mit den verbleibenden Vorstellungen am 26., 28. und 30. Mai.


Ressort: Filmwertungen